Lexikon der Psychotraumatologie

ABS = Akute Belastungsstörung (DSM-III,1980). Während oder gleich nach einem traumatischen Stressor  tendieren gewisse Leute in einem höheren Masse zur Dissoziation. Sie laufen Gefahr eine PTB zu entwickeln. Diese Diagnose kann schon während des ersten Monats nach dem traumatischen Ereignis gestellt werden Um eine klare Diagnose einer PTB zu stellen, muss ein traumatischer Stressor gemäss Kriterium-A vorliegen. Die betroffenen müssen Symptome aus allen PTB aufweisen (Wiedererleben, Vermeidungsverhalten und Erregung). Die Erfüllung vom Kriterium B erfordert mindestens 3 Dissoziations-Symptome aus der folgenden Liste :

1. Empfindungslosigkeit oder das Gefühl von Losgelösheit (” es macht mir gar nichts, ach es war eine Bagatelle”)
2. reduzierte Wahrnehmung der Umgebung
3. Derealisierung (“es ist nicht wahr, es ist wie in einem Film”)
4. Depersonalisierung (“wer bin ich, ich bin komisch,…”)
5. dissoziative Amnesie – Unfähigkeit, einen wichtigen Aspekt des Traumas zu erinnern (Jemand sieht Narben auf seinen Körper, kann sich an die Folter gar nicht erinnern. Gerade nach dem Bombenanschlag hat eine verletzte  Frau  keine Ahnung, warum sie voll Blut ist).

Quelle: Patricia A.Resick / Stress und Trauma

Akute Belastungsreaktion (ICD-10 F43.0).  z.B. nach Katastrophen, Unfälle, Vergewaltigungen. Wurde früher oft als Nervenzusammenbruch oder psychischer Schock bezeichnet. Die Reaktion beginnt sofort oder innerhalb weniger Minuten nach dem Ereignis. Die Symptome sind rasch rückläufig, längstens innerhalb von wenigen Stunden. Gemischtes und oft wechselndes Bild: zuerst „Betäubung“, dann Depression, Angst, Ärger, Verzweiflung, Überaktivität und/oder Rückzug. Diese Reaktion klingt in der Regel nach 24-48 Stunden ab. Gewöhnlich nach 3 Tagen nur noch minimal vorhanden.

Amygdala = Mandelkern. Ein Element vom limbischen System. Sie ist für die emotionale Bewertung der Information verantwortlich. Sie funktioniert wie ein Gate Keeper oder ein Body Guard. Bei Gefahr schlägt sie sofort Alarm, aktiviert die Hypothalamus-Hypophyse Achse (Adrenalin) und leitet die unverarbeiteten Informationen Richtung Grosshirn. Dadurch wird der Hippocampus und das Spachszentrum von Broca umgangen, mit der Folge dass die Reize als rudimentäre Informationsfragemente im Neocortex gespeichert werden. Eine verbale Verarbeitung ist nicht mehr möglich. Später taucht das Fragment unaufgefordert als intrusives Bild oder  Flashback auf.

Andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung (ICD-10 F62.0). Chronische, irreversible Folge von Extrembelastung wie Konzentrationslager, Folter, Katastrophe, andauernde lebensbedrohliche Situation (Geisel, Gefangenschaft mit Todesgefahr). Hier kann die Änderung nicht durch die Vulnerabilität der Person erklärt werden, sondern eindeutig durch die extremen Umstände.

Anpassungsstörungen (ICD-10 F34.2). Bei Todesfall (abnorme Trauerreaktion), Flucht, Emigration (Kulturschock), Hospitalismus bei Kindern, beruflichen Schwierigkeiten, usw. können innerhalb eines Monats Anpassungsstörungen ausgelöst werden: depressive Reaktionen, Angst, regressives Verhalten (Bettnässen), aggressives oder asoziales Verhalten.

Autonomes Nervensystem. = neurovegetatives System. Dieses Nervensystem, regiert alle automatischen Funktionen des Körpers wie die Atmung, die Verdauung, die Blutzirkulation, das sexuelles Verhalten, etc… Er besteht aus zwei Untersysteme: der Sympathikus (Adrenalin) und der Parasympathikus. Dieses System ist bei Stressreaktionen besonders beansprucht.

Debriefing. Technik der Psychotraumatologie. Es besteht aus zwei Sitzungen (Einzeln- oder Gruppensitzungen): die erste Sitzung (2-3 Stunden) findet einige Tage nach dem Ereignis statt, die zweite (viel kürzer) 8 Wochen später. Das Debriefing ist keine Therapie sondern hat für Ziel, Komplikationen (wie PTSD) nach einem Ereignis vorzubeugen. Im Rahmen des Stress-Management werden Informationen gegeben, um die normalen Reaktionen (Flash-backs, Erregung, Vermeidung) nach einem Schock zu verstehen und  in den Griff zu bekommen. Die Modelle nach Mitchell und Perren-Klinger sind die bekannteste.

Defusing. Technik der Psychotraumatologie. Manche Autoren beschreiben das Defusing als ein unformelles Gespräch, das unmittelbar am Unglücksort geführt wird. Keine definierte Technik also. Im Gegensatz ist für dem Traumatologe Mitchell (der “Erfinder” des Debriefings) das Defusing eine präzise Technik, die in abgekürzter Form die Hauptschritte des Debriefings übernimmt.

Dissoziation. Das Gegenteil von Assoziation (Verein). Trennung. Der Begriff stammt aus dem Bereich der Chemie. Die Dissoziation ist ein Abwehrmechanismus oder einfacher: ein Schutzmechanismus für die Seele. Wenn in einer akuten Gefahr oder in einer chronischen unerträglichen Situation (z.B. chronischer Missbrauch) weder die Flucht noch die Attacke möglich ist, schützt sich das Opfer, indem Wahrnehmungen aus dem Bewusstsein gestrichen werden. Das Opfer “verschwindet”, wird emotionell taub, emotionslos, abwesend, usw. Die Reize werden als unverarbeitetes Fragment (ein isolierter Geruch, ein Bild ohne Ton, ein Geräusch allein) gespeichert. Lücken im Gedächtnis, der Konzentration oder der Körperwahrnehmung entstehen.

Dissoziative Amnesie. Vergesslichkeit ohne organischen Befund. Wird nach einem Schock beobachtet.

Dissoziative Störungen (ICD-10 F44): Früher als Konversionsstörungen oder „Hysterie“ bezeichnet. Hier ist der Begriff “Trennung vom Selbst”, im Vordergrund: Lähmungen, Sensibilitätsstörungen (Der Patient spürt ein Teil seines Körpers nicht mehr), psychogene  Amnesie (Vergesslichkeit ohne organischen Befund), Fluchtverhalten weisen darauf hin. Weiter können Depersonalisation und multiple Persönlichkeitsstörung entstehen, wenn die Dissoziation die eigene Identität betrifft.

DSM-IV. Abkürzung für Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders. Klassifikationsystem der mentalen Krankheiten, die erstmal 1956 durch die American Psychiatric Association publizierte wurde. 1996 erschien die vierte Revision. Es konkurriert mit dem System der WHO (ICD-10), das sich eher in Europa etabliert hat. Das DSM wird gern von Forscher benützt, da die Beschreibung der Störungen (z.B. die Kriterien) etwas präziser und restriktiver sind.

Exposition. Konfrontation mit dem Auslöser einer Furcht (z.B. Fotos von Spinnen anschauen bei Spinnenphobien, Besuch eines Ladens bei Platzangst, Probeflug bei Flugangst). Die Arbeit mit inneren Gedanken und Bildern (wie bei EMDR) ist auch eine Form der Exposition. Eine zu starke Exposition kann zu einer Re-Traumatisierung führen.

False memory. (englisch= falsche Erinnerung). Wenn im Laufe einer psychotherapeutischen Behandlung Erinnerungen an Missbrauch auftauchen, lässt sich fragen, wie authentisch diese Bilder sind. In der Vergangenheit haben zu suggestive Therapeuten ihre Patientinnen so beeinflussen können. Es folgten dramatische Familienszenen: unschuldige Väter wurden in Handschellen zum Polizeirevier gebracht und es dauerte Monate oder Jahre, bis die Situation geklärt wurde. Deshalb sind Psychotraumatologen vorsichtig geworden. Auf der anderen Seite kann der Begriff “False memory” als einfaches Argument verwendet werden, um die traurige Realität von Missbrauch zu verleugnen.

Hippocampus. = Seepferdchen. Dieser Teil des limbischen System erinnert an ein Seepferdchen. Parallel zur Amygdala spielt er sowohl für das Gedächtnis wie die Integration von Emotionen eine große Rolle.  Er verwaltet die Informationen, die gerade von der Amygdala angekommen sind, indem er sie ordnet, zum Sprachzentrum (Broca) bringt oder zu verschiedenen Feldern des Neocortex weiterleitet, damit sie dort korrekt archiviert werden.  Unter Stress – wie bei Vietnam Veterane festgestellt – nimmt seine Masse ab.

Hypothalamus = unter dem Thalamus. Das höchste Zentrum des autonomen (vegetativen System). Hier werden die Funktionen wie Kohlehydratstoffwechsel, Wasser – und Salzhaushalt, Hunger, Wärmegleichgewicht und Sexualfuntkionen, reguliert.

ICD-10. International classification of diseases. Diese Klassifikation, die von der WHO publiziert wird, umfasst alle menschliche (Kapitel 5 oder F) Krankheiten und Störungen, die medizinisch relevant sind. Die 10te Revision erschien 1992. Die psychiatrischen Krankheiten bilden das 5te Kapitel: deshalb fangen alle Diagnosen der Psychotraumatologie mit einem F.

Intrusion, intrusiv = Ein-dringen. Beschreibt Erinnerungen, nach einem Trauma als Gedanken, Gefühle (Schuldgefühle, Hass, …), Bilder, Gerüche, usw., in die Psyche des Überlebenden eindringen. Er ist ihnen gegenüber oft machtlos und ausgeliefert.

Kognition, kognitiv. (Griechiesche Wurzel -Gno= kennen). Der Begriff Kognitiv beschreibt Prozesse, die mit dem Denken zu tun haben (analysieren, beobachten, beurteilen,…) im Gegensatz zu emotionalen Prozessen (Trauer, Wut, Scham,…). Es entspricht der Frage: “was denkst Du?” ( statt: “was spürst Du?”). Im EMDR ist eine Kognition eine Selbstkenntnis oder ein Selbsturteil. Sie wird als “ich bin” Satz formuliert. Positive Kognition: “ich bin ein guter Mensch, ich bin in Sicherheit”. Negative Kognition: ” ich bin schlecht, unfähig, unverantwortlich”.

Komorbidität, komorbid. ( lateinisch Morbus = Krankheit). Begleitende unspezifische Symptome. Bei PTBS findet man in ca. 50% der Fälle Depression. Suchtsymptome sind auch häufig vorhanden.

Kriterium-A (DSM-IV) definiert im Rahmen der Diagnose PTBS die Bedingungen, unter welchen ein Ereignis als traumatisch anerkannt wird: Erfahrung von Gewalt, ausserhalb der Norm, bei welcher physische und/oder psychische Integrität angegriffen ist und Todesangst und/oder absolute Hilflosigkeit erlebt wird.
1. Die Person erlebte, beobachtete oder war mit einem Ereignis konfrontiert, die tatsächlichen oder drohender Tod oder ernsthafte Verletzung oder eine Gefahr der körperlichen Unversehrtheit der eigenen Person beinhaltete
2. Die Reaktion umfasste: intensive Furcht, Hilflosigkeit oder Entsetzen.

Mobbing (englisch to mob = belästigen, schikanieren, anpöbeln). Form von Belästigung, die eine verzerrte Kommunikationsform benützt. Beleidigungen, Ignorieren, Einschüchtern, Missachtung der privaten Sphäre, sexuelle Deutungen, Verwirrungstaktiken sind bekannte Instrumente. Das Mobbing wurde in den letzten Jahren durch die Publikationen von Leymann (Deutschland) und Hyrigoyen (französisch “harcèlement”) bekannt.

Multiple Persönlichkeit. Dissoziative (trennende) Störung der Identität.

PTBS = PTSD: (ICD-10 F 43.1)(DSM-IV). Posttraumatisches Belastungssyndrom. Tritt in der Regel innerhalb von 6 Monate nach einem traumarisierenden Ereignis von außergewöhnlichen Schwere ein, bei etwa 15 bis 30% der Überlebenden. Die Schwere des Ereignisses wird von Kriterium-A definiert. Es wird durch die drei folgenden Symptomgruppen charakterisiert: Wiedererleben, Vermeidung, hohe Erregung. Dissoziative Zeichen werden auch  beobachtet.

Ressourcen. (Source=Quelle). Hilfsquellen. Externe Ressourcen sind Hobbies, Familie (wenn sie unterstützend ist), Freunde, gute Beziehungen, finanzielle Mittel, alles was einem der eigenen Erfahrung nach – gut tut. Innere Ressourcen sind gute Erinnerungen, ein Lied aus der Kindheit, oder positive Vorstellungen.

Parasympathikus. Teil des autonomen Nervensystems: verlangsamt den Puls, aktiviert die Verdauung, usw.

Phobie. Angst, die mit einer Situation verbunden ist.

Posttraumatisch. = Nach einem Trauma. Diese Reaktionen können manchmal erst Jahre später auftauchen.

Psychiater/trin. = aus dem Griechisch psyche = die Seele und iatros = der Arzt. In der Schweiz: (Dr. med.) Facharzt/ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH. Neben einer Ausbildung in Psychiatrie (Lehre der verschiedenen psychischen Krankheiten) und Psychopharmakologie, verfügen obligatorisch alle Psychiater, die den Facharzttitel nach dem 1. Januar 1998 erworben haben, über eine der anerkannten Psychotherapieausbildungen mit Abschluss. Von den Psychiatern mit einem Facharzttitel älteren Datums haben viele, aber nicht alle diese Ausbildung freiwillig absolviert. Neben der Psychotherapie darf der Psychiater, wie jeder Arzt, u.a. Patienten untersuchen, eine medizinische Diagnose stellen, Medikamente verschreiben, Arbeitsunfähigkeit attestieren und Gutachten schreiben.

Psychologe/gin. Fachmann/frau für Psychologie. Das Hauptfachstudium der Psychologie gliedert sich in ein Grund – und ein Hauptstudium, jeweils 4 Semester. Das Hauptstudium bietet ein Vertiefungsprogramm mit vier Fachrichtungen in Option: Allgemeine Psychologie, Angewandte Psychologie, Klinische Psychologie und Sozialpsychologie. Das Studium wird mit der Lizenziatsprüfung abgeschlossen. Psychologen, die als Psychotherapeut sich spezialisieren, absolvieren dazu eine anerkannte Psychotherapieausbildung (z.B. Psychoanalyse, Daseinanalyse, Verhaltenstherapie, usw.) Ein Fachtitel  als Mitglied einer Berufsverband ermöglicht den Psychologen, die Psychotherapie durchführen, die Seriosität ihrer psychotherapeutischen Ausbildung zu gewähren. In der Schweiz:

  • Psychotherapeut(in) FSP (FSP = Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen), ein Zusammenschluss akademischer Psychologen und Psychologinnen).
  • Psychotherapeut(in) SPV (SPV = Schweizer Psychotherapeuten Verband)
  • Psychotherapeut(in) SBAP (SBAP = Schweizerischer Berufsverband für Angewandte Psychologie)

Resilienz.= wieder springen (latein.). Beschreibt die Fähigkeit von Überlebenden zu reagieren, sich den Schlägen des Schicksals zu widersetzen, sich zu behaupten. Manche Autoren wie Cyrulnik haben gezeigt, dass verlassene Kinder viel mehr Ressourcen haben, als bisher vermutet.

Somatisierung. Soma = Körper (Griechisch). Verlagerung der seelischen Schmerzen oder Spannungen in der Körper.

Stockholm Syndrom. Das Opfer identifiziert sich mit den Interessen des Täters, schließt z.B. einen Bund mit dem Entführer oder verteidigt den inzestuösen Vater.

Stressreaktion. Spezifische Reaktion nach einen kritischen Ereignis: Wiedererleben, Vermeidung, und Erregung. In dem akuten Stadium sind diese Reaktionen absolut normal.

Sympathicus. Ein Teil des autonomen Nervensystem. Es ist vor allem mit der Produktion von Katekolaminen (Adrenalin und Noradrenalin) verbunden und aktiviert alle Funktionen, die den Körper zum Fliehen oder Kämpfen vorbereiten: schneller Puls, tiefere Atmung, fokusierte Konzentration,…

Thalamus.( auf Griechisch Schlafzimmer!). Ein Teil des Zwischenhirns. Die Hauptschaltzentrale zwischen der Peripherie und dem Grosshirn. Im Thalamus versammeln sich alle sensorischen Bahnen.

Trauma. Allgemeiner Begriff. In der Chirurgie: eine Verletzung. In der Psychiatrie bzw. Psychologie: langfristige Folge einer seelischen Verletzung. Die letzten Jahre wurde von einigen Autoren betont, dass nicht nur große Traumata (Trauma-T) im Sinn von Kriterium-A, sondern auch sogenannte kleine Traumata (Trauma-t), die Patienten in ihrer inneren Sicherheit dramatisch treffen können, ohne dass sie jemals in Gefahr gewesen sind.

Vermeidungsverhalten. Das Opfer vermeidet alle Reize (Ort, Leute , Lektüren, Bilder), die es an das Trauma erinnert. Dieses Verhalten kann auch völlig unbewusst ablaufen.

Vulnerabilität. Psychische Verleztbarkeit, empfindliche Konstitution.